Am 12. Juni 2026 fand an unserer Schule ein besonderer Tag statt. Um 9 Uhr wurden vor dem Cineplex an der Schloßstraße 46–50 in Bensberg zwei Stolpersteine verlegt. Konstantin Wladimirow und Walery Winogradow, zwei junge ukrainische Zwangsarbeiter, die im März 1945 im Schlosspark Bensberg erschossen wurden, konnten so geehrt werden. Möglich gemacht hat das der Projektkurs „Erinnerungskultur“ unserer Schule. Aufbauend auf den Vorarbeiten des vorherigen Projektkurses konnten die Schülerinnen und Schüler dieses Schuljahr intensiv die Biografien der beiden und die Umstände ihres Todes recherchieren.
Doch was genau sind eigentlich Stolpersteine? Stolpersteine sind kleine, in den Gehweg eingelassene Gedenktafeln. Sie erinnern an Menschen, die während der Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945) verfolgt, deportiert, ermordet oder in den Suizid getrieben wurden. Mit über 100.000 verlegten Steinen in ganz Europa bilden sie das größte dezentrale Mahnmal der Welt.
Die Bensberger Stolpersteine wurden von Herrn Mann verlegt, der als Stolpersteinverleger im Auftrag des Künstlers Gunter Demnig arbeitet und in mehrere Städte reist, um die Messingsteine an vielen verschiedenen Orten zu verlegen. Im Anschluss an die Verlegung in Bensberg hielt er einen Vortrag für die zehnten Klassen und die gesamte Oberstufe in der Aula, in dem er vom „Erfinder der Stolpersteine“, seinem Chef, Gunter Demnigs Leben und damit der Entstehungsgeschichte der Stolpersteine erzählte. Herr Mann erklärte anschließend den Sinn von Stolpersteinen: Die Idee hinter dem Namen ist symbolisch gemeint. Die Menschen sollen im Vorbeigehen nicht physisch, sondern im Geiste stolpern. Man soll kurz innehalten und sich die Schicksale der Opfer bewusst machen. Nach dem Vortrag hatten die Schüler*innen und Lehrkräfte die Gelegenheit, ihm persönlich Fragen zu
stellen.
Für die Q1 hatte der Projektkurs außerdem eine eigene Ausstellung vorbereitet, die tiefere Einblicke in die Geschichte der beiden Zwangsarbeiter bot. Zum Beispiel einen Raum mit Plakaten oder auch einen „stillen Raum“, in dem man eine Audioaufnahme eines Zeitzeugens anhören konnte, der von genau dieser Ermordung berichtete.
Doch wie entsteht ein solches Projekt eigentlich? Was treibt die Projektkursmitglieder an, sich ein Jahr lang so intensiv mit einem fast vergessenen Kriegsverbrechen auseinanderzusetzen und vor allem am Ende dafür zu sorgen, dass Konstantin Wladimirow und Walery Winogradow in so besonderem Maße geehrt werden? Um diese Fragen zu klären, hat Sebastian Schuch, ein Mitglied
des Projektkurses, von seinen Eindrücken und Erfahrung erzählt:
Warum hast du dich entschieden, den Projektkurs „Erinnerungskultur“ zu wählen?
„Wir haben uns von der Arbeit des Vorgängerkurses zur NAPOLA inspirieren lassen und dachten uns, es wäre cool, selbst Sachen rauszufinden, die noch keiner weiß. Ich wusste, dass Archivarbeit auf mich zukommt und am Ende eine Ausstellung ansteht […], aber was wir genau machen würden, war überhaupt nicht vorgegeben. Das war auch so der Kern des Projektkurses: Wir mussten uns alles selbst überlegen.“
Wusstet ihr von Anfang an, dass ihr Stolpersteine für die beiden Zwangsarbeiter legen wolltet oder
gab es einen bestimmten Moment, in dem dieser Entschluss gefallen ist?
„Das kam eigentlich recht zufällig. […] Wir hatten uns überlegt: Was wissen wir bis jetzt? Wir wussten, im Schloss gab es eine NAPOLA […] und wir wussten von den zwei Todesfällen im Schloss. Das erschien uns spannend genug, um damit weiterzumachen. Bei unserer Recherche haben wir dann ein Angebot des WDRs entdeckt. Wenn wir unsere Story dort einreichen, besteht die Chance den beiden Zwangsarbeitern je mit einem Stolperstein zu gedenken, sodass ihre Geschichte nicht vergessen wird.
Wir dachten, ein Stolperstein wäre mega: Leute kennen Stolpersteine und es bekommt so einen viel größeren Rahmen. […] Im Oktober oder November haben wir dann den Beschluss gefasst und mit Frau Wirges vom WDR zusammengearbeitet. Am Ende durften wir die Stolpersteine verlegen und haben sogar einen Eintrag in der offiziellen Stolperstein-App bekommen.“
Wie lief der Prozess ab, um neue Informationen zu finden? Wo habt ihr die Fakten gefunden?
„Wir haben zunächst online recherchiert und sind dann regelmäßig ins Stadtarchiv gegangen. Wenn wir irgendwelche Dokumente gebraucht haben […], haben wir die verschiedenen Archive angeschrieben, also Landesarchiv, Bundesarchiv oder NS-Dokumentationszentrum in Köln […]. Es gab viele Dokumente, die nichts gebracht haben. Und wenn man eine Frage geklärt hatte, warf das Dokument direkt zwei neue auf. Man hangelte sich so entlang und stand oft am Ende trotzdem noch mit vielen offenen Fragen da.“
Wie seid ihr auf die Zeitzeugenaufnahme gestoßen?
„Wir hatten zuerst Sekundärliteratur gelesen […] und darin haben wir einen ganz kleinen Ausschnitt [eines Interviews] gelesen, wo ein Zeitzeuge […] der im Schloss gearbeitet hat, erwähnt wurde. […] Dann haben wir uns gedacht, vielleicht steckt da mehr drin. Und dann haben wir dieses Zeitzeugeninterview [beim NS-Dokumentationszentrum] angehört und festgestellt: „Oh, der erzählt ja
über unseren Fall.“ Das war schon echt […] ein krasser Moment. Ich berichte so viel darüber, dass es anstrengend war und viel Zeit gekostet hat, aber für diese Momente, wo man wirklich sowas gefunden hat […], hat sich das echt gelohnt.“
Wie lief die Stolpersteinverlegung ab und wie war die Stimmung dabei?
„Ich hatte anfangs gedacht, es würde sich ein bisschen wie eine Beerdigung anfühlen. Die Stimmung war schon sehr bedacht […] auch einfach um den Respekt zu zollen, aber es hatte auch irgendwie was Feierliches, weil man sich selbst erinnert hat: Wir haben hier etwas geschafft, nicht nur für uns, sondern für die ganze Stadtgemeinschaft. […] Ich glaube, da wurde wirklich etwas für eine sehr lange Zeit geschaffen.“
Wie lief der Rest des Tages ab?
„Es war sehr stressig. Zuerst die Verlegung in Bensberg, dann kurz nach Refrath, wo ebenfalls ein Stolperstein verlegt wurde. Danach zurück zur Schule, Vortrag von Herrn Mann in der Aula […], dann die Ausstellung für die Q1. Ich selbst war die ganze Zeit in dem Raum, wo ich viermal einen Vortrag zu Max Müller gehalten habe. Dieser war ehemaliger Ortsgruppenleiter von Bensberg. Besonders aufgestoßen war uns nämlich, dass sich auch der erste Nachkriegsbürgermeister von Bensberg,
ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstkreuz, für Müllers Unschuld ausgesprochen hatte, obwohl ihn das Gericht wegen Vertuschung und Leugnung der Bensberger Todesfälle verurteilte. Das hat bei uns schon einige Fragen aufgeworfen, ob da vielleicht mehr dahintersteckt, beweisen konnten wir aber nichts. […] Bis 14:30 Uhr wurden noch viele Interviews mit der Presse geführt und Fotos gemacht. […] Es hat sich gezogen, aber auf den Anlass bezogen war es eigentlich ganz cool, besonders wenn man
echt viel Anerkennung und Aufmerksamkeit für seine Arbeit bekommt.“
Was hat dir an dem Tag besonders gefallen?
„Ich würde sagen, die Stolpersteinverlegung selbst […], die war echt eindrücklich. Und die Ausstellung bei uns in der Schule […], weil das unsere Arbeit war, die wir dort präsentiert haben. Was mich aber am meisten freut ist, dass das Thema noch Wochen später Wellen schlägt. Ich rede immer noch mit Freunden darüber. […] Das zeigt, dass wir etwas bewegt haben, das nicht einfach wieder vergessen wird.“
Was nimmst du persönlich aus diesem Projekt mit? Hat es deine Sicht auf Geschichte oder
Erinnerungskultur verändert?
„Ganz banal: Ich habe gelernt, mich ein bisschen kürzer zu fassen und stringenter zu formulieren. […] Wir hatten Herrn Schmidt dabei, der lange beim ARD in der Tagesschau gearbeitet hat […] und ich war dafür verantwortlich, Texte zu schreiben […] Ich merke auch, dass das über den Kurs hinaus Früchte trägt, wenn ich jetzt Klausuren schreibe, komme ich schneller zum Punkt. […] Hat das meine Sichtweise auf Erinnerungskultur verändert? Ja, schon. Ich habe am Anfang echt unterschätzt, wie anstrengend es ist, im Archiv zu arbeiten […] und meine Wertschätzung für Journalismus generell, besonders im historischen Kontext, ist echt gewachsen. […] Was wir herausgefunden haben, zwei Biografien und ein Prozess, den wir offengelegt haben, das war über ein Jahr Arbeit für drei Personen. Und wenn man überlegt, mit was für einer Fülle und Präzision andere Journalisten Dinge darlegen […], empfindet man dafür sehr großen Respekt.“